Westpol und Rituelle Gewalt

Nachdem der SWR bereits im Februar, mit Michael Weisfeld, einen tendenziösen Bericht gegen den Verein False Memory Deutschland e.V. veröffentlicht hat, zieht Heike Zafar in einem Beitrag bei WDR Westpol nun gegen die Kirche ins Rennen.

Es erfüllt mich keineswegs mit Schadenfreude, dass sich nun die Kirche mit dieser Kritik beschäftigen muss, die ansonsten „Aufklärern“ entgegengebracht wird. Vielmehr erschreckt es mich, wie bereitwillig Journalisten dabei unterstützen eine absurde Ideologie aufrecht zu erhalten, die sich nur in wenigen Punkten von QAnon unterscheidet.

Gäbe es keine Berichte, wie eine VOLLBILD-Reportage mit Rabea Westarp, oder Manuel Möglich vom Y-Kollektiv, könnte man den Sendern jede Diversität in der Berichterstattung absprechen.

Moderator Henrik Hübschen und seine Redaktion sind ratlos, warum das Bistum Münster die Beratungsstelle geschlossen hat. Nach dieser Aussage habe ich Zweifel daran, dass sich jemand von der Redaktion mit den vorangegangenen Anschuldigungen auseinandergesetzt hat.

In der Einleitung des Berichts wird von „sektenähnlichen Gruppierungen“ gesprochen. Nichts ist mehr zu hören von “weltumspannenden Netzwerken satanischer Kulte”, wie dies über Jahre hinweg von einigen Personen der geschlossenen Beratungsstelle immer wieder gepredigt wurde. Selbst die Journalistin Heike Zafar, hat vor über 10 Jahren an so einem Artikel mitgewirkt. Zusammen mit Brigitte Hahn, die ebenfalls für den Beitrag von Westpol interviewt wurde.

In dem damaligen Artikel von Heike Zafar kam unter anderem Adelheid Herrmann-Pfandt zur Sprache, die ebenso im Radiobeitrag von Michael Weisfeld einen Platz gefunden hatte, neben Brigitte Hahn.

Einige Kommentare in dem Bericht, wie „dass es solche rituelle Gewalt tatsächlich gibt, wird immer wieder angezweifelt“ kann man sich inzwischen schenken. Zu dem Begriff „rituelle Gewalt“ existiert keine einheitliche Definition und zudem eine schwer überschaubare Anzahl von Interpretationen. Alle sagen das Gleiche und Reden im Endeffekt doch von etwas anderem.

Obwohl der Begriff in der Einleitung vermieden wird, erfährt man durch Erzählungen des Opfers Verena, dass es erneut um Satanismus geht. Sie sei Opfer einer “satanistischen Gruppierung, zu der selbst ihre Eltern gehört haben sollen”. Spätestens an dieser Stelle trifft man auf ein altbekanntes Narrativ, Generationen überdauernder Kulte.

Bereits 2010 berichtete Brigitte Hahn gegenüber Heike Zafar, dass sie bisher 30 Opfer solch satanischer Kulte in ihrem Büro sitzen hatte. Inzwischen sind 13 weitere Jahre vergangen, in denen die Beraterinnen ihr Wirken entfalten durften.

Ein wenig ironisch, dass der Betroffenenrat des UBSKM in einer Stellungnahme folgendes schrieb:

Wer rituelle Gewalt als fragwürdig hinstellt, beruft sich häufig darauf, dass es keine weltumspannende, satanische Elite gäbe, die heimlich unser aller Geschicke lenke. Dieser Aussage dürften mehr als 99 Prozent aller Menschen - einschließlich Betroffener ritueller Gewalt – zustimmen. Die verbliebenen Prozentanteile entfielen auf QAnon-Anhänger*innen.

Dass es beim Bistum Münster um solche Fälle ging, wird zusätzlich durch eine erst kürzlich überarbeitete Seite des Bistum Osnabrück deutlich. Dort wurde ein Artikel entfernt, in welchem Brigitte Hahn erneut von “Satanischen Kulten” berichtete.

Doch hier ist es keine Verena, oder Laura, sondern eine Melanie, die in einer satanischen Sekte aufwachsen musste. Es spiegelt sich das wider, was bereits im Spiegel-Artikel geschildert wird. Absichtsvoll herbeigeführte Persönlichkeitsspaltungen, dadurch eine Dissoziative Identitätsstörung, Schweigegebote, programmierte Innenpersonen, die an rituellen Feiertagen besonders empfänglich für geheime Botschaften der Sektenmitglieder sind. Dazu die Erzählung von Misshandlungen aller Art, sowie Menschenopfern.

Das, was Frau Hahn in der Beratungsstelle angefangen hatte, setzte Frau Stegemann später fort. Gegenüber Westpol berichtete Brigitte Hahn, dass sie inzwischen von über hundert solcher Berichte gehört hat. Das ist also in den 13 Jahren hinzugekommen. Wie wahrscheinlich sind bei dieser Dauer und Anzahl irgendwelche Einzelfälle induzierter Erinnerungen? Der im Spiegel geschilderte Fall ist einzigartig, aber bestimmt kein Einzelfall.

Spannend wird es bei näherer Betrachtung folgender Erwähnung der Sprecherin:

Sechs solcher Fälle ritueller sexueller Gewalt sind sogar von Historikern dokumentiert. In der großen Missbrauchstudie, die das Bistum Münster im vergangenen Jahr selber vorgelegt hat.

In dieser Studie ist auf Seite 293 folgendes zu lesen:

Bei sechs Betroffenen war der Missbrauch laut eigener Aussage einer Form »ritueller Gewalt«, zum Beispiel eines Exorzismus oder sektenartiger Praktiken, zuzuordnen. 25“

Das gleiche Problem, was schon zu Studien von Peer Briken, am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf, festgestellt wurde …

Unüberprüfte Selbstaussagen und ein noch viel interessanterer Punkt in Fußnote 25 zu lesen.

Von einer Betroffenen, einer Therapeutin sowie einem ehemaligen Mitglied der Bistumsleitung wurde in diesem Zusammenhang der Verdacht geäußert, dass ein amtierender Pfarrer sowie ein Laie in Diensten des Bistums Mitglieder in einer solchen Sekte seien, die rituelle Gewalt verübe. Dafür haben wir im Zuge unserer Recherchen allerdings keine erhärtenden Anhaltspunkte gefunden

(Missbrauchsbericht Bistum Münster 2022, S. 293)

In Bezug auf die Berichterstattung der letzten Monate, habe ich eine ungefähre Idee, welche Personen diese Anschuldigungen ins Rennen gebracht haben könnten.

Anhand solcher Passagen kann man vielleicht erahnen, warum die „Satanic Panic“ schädlich ist, wenn man über (sexuellen) Missbrauch aufklären möchte.

Die Kirche hat ein riesiges Problem mit sexuellem Missbrauch und dessen Aufarbeitung. Nimmt man echte Opfer aufgrund kranker Ideologien nicht mehr ernst, verhindert oder erschwert dies eine dringend notwendige Aufklärung.

Es ist in meinen Augen höchst gefährlich, wenn solche Menschen zusätzlich in Fehltherapien oder -beratungen geraten. Liegt ein realer Missbrauch vor und man stülpt durch Suggestion ein Schema “Satanische Sekte” über diese Menschen, wird ein Glaubwürdigkeitsgutachten mit großer Wahrscheinlichkeit Widersprüche in den Aussagen feststellen. Das Hinzufügen von Erinnerungen könnte somit zu verfälschten Ergebnissen führen. Die Justiz befolgt zum Glück den Leitsatz in dubio pro reo, im Zweifel für den Angeklagten. Die Kritik, dass man Opfern durch diesen Grundsatz nicht auf Augenhöhe begegnen würde, teile ich nicht. (Thema: Nullhypothese bei Glaubwürdigkeitsgutachten)

Die ebenfalls im Interview erscheinende Unabhängige Missbrauchsbeauftragte, Kerstin Claus, findet es verheerend, dass solche Aussagen dazu führen könnten, dass Betroffenen und deren Helfersystem in Gänze nicht mehr geglaubt werden könnte. In dem Sinne stimme ich zu, verorte das Problem jedoch in der Therapie und nicht in der aktuellen Kritik.

Die Existenz solcher Fälle, wie im Spiegel geschildert, sieht sie nicht als flächendeckendes Problem. In einem den Bericht ergänzenden Artikel äußert Frau Claus zudem:

“Absurd” findet das Kerstin Claus, die Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung: “Einerseits wird gesagt, Therapeuten hätten die Macht, Betroffenen Erinnerungen an massive Gewalterfahrungen einzupflanzen. Aber Tätergruppen, das wird von Kritikern unterstellt, sollen nicht die Macht haben, Kinder und Jugendliche so zu konditionieren oder zu manipulieren, dass sie den Missbrauch zum Beispiel decken, aktiv aufrechterhalten oder Erinnerungen daran auch über viele Jahre abspalten und sich nicht erst Jahre später bewusst daran erinnern.” Also so zu manipulieren, dass sie den Missbrauch z.B. decken oder sich erst Jahre später bewusst daran erinnern.   “Da sehe ich eine Diskrepanz und frage mich, was soll diese Debatte?”

Geraten Menschen in eine Fehltherapie, werden diese komplett umgekrempelt. Ohne ausgeprägte Gedächtnislücken mit einem vollständigen Erleben dieser Ideologie. Ähnlich wie Menschen, die sich einer Gruppe anschließen, deren Überzeugungen verinnerlichen und ihr ganzes Leben komplett damit identifizieren.

Dies ist ein deutlicher Unterschied zu programmierten Persönlichkeitsanteilen, an die sich Erwachsene im Alltag anschließend nicht erinnern sollen und von Tätern bei Bedarf abgerufen werden können. Hinzu kommt, dass das Induzieren von Erinnerungen wissenschaftlich belegt ist! Zu Theorien wie “Mind-Control” und “Verdrängung ins Unterwusste” fehlt es bisher an ausreichenden Belegen.

Es ist in dem Sinne keine Diskrepanz, sondern es sind komplett unterschiedliche Dinge, von denen Frau Claus berichtet.

Den Angaben des Berichts nach, können die Opfer ritueller Gewalt, die vorher beim Bistum Münster beraten wurden, nicht aufgefangen werden. Diese Aussage erlaubt die Vermutung, dass die im Spiegel benannte Psychotherapeutin Jutta Stegemann – mit ihrer Praxis in Münster – keine Opfer ritueller Gewalt mehr betreuen darf. Da die Beratungsstelle geschlossen wurde, hätte sie theoretisch zusätzliche Kapazitäten frei haben müssen, um eine bestimmte Anzahl dieser Opfer aufzufangen. Dies ist allerdings reine Spekulation.

Ein Problem werden diese Opfer vermutlich teilen: Das Problem mit Menschen in Kontakt zu treten und ein eigenständiges Leben zu führen. Teilweise durch real erlebten Missbrauch, teilweise durch induzierte Erinnerungen an Missbrauch, oder auch aus Angst vor vermeintlichen Sektenmitgliedern.

Die im Bericht interviewte Verena erwähnte allerdings auch, was vielen dieser Menschen bisher gefehlt hat: Jemand der zuhört!

Während die Redaktion von Westpol sich fragt warum die Beratungsstelle geschlossen wurde, frage ich mich, warum dies nicht früher geschehen ist.

Zum Weiterlesen

Quellen